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ROTTERDAMER FAYENCEFLIESEN IN DER KAPELLE DES
HOSPITALS SAN JUAN DE DIOS IN CÁDIZ/ANDALUSIEN

ILSE MARGGRAF, WILHELM JOLIET

in: KERAMOS, Heft 150, Oktober 1995, S. 149 - 200

Viele Jahre arbeiteten die Verfasser mit dem international anerkannten Fliesenspezialisten Rainer Marggraf zusammen und begleiteten ihn auf ausgedehnten Forschungsreisen durch Portugal und Spanien. Ziel dieser Studienaufenthalte war die Untersuchung und fotografische Erfassung aller niederländischen Fliesenbestände auf der iberischen Halbinsel. Bis zu seinem plötzlichen Tod im Februar 1994 veröffentlichte Rainer Marggraf zahlreiche Aufsätze zum Thema Fliesen(1) und ist auch Keramos-Lesern kein Unbekannter.(2) Darüber hinaus entfaltete er eine rege Vortragstätigkeit im In- und Ausland(3) und brachte mit seiner fachlich fundiert und liebevoll zusammengestellten Wanderausstellung die portugiesische Fliesenkultur einer breiten europäischen Öffentlichkeit nahe.(4) Dafür wurde ihm von der Republik Portugal das Komturkreuz des Ordens »Infante D. Henrique« verliehen. Eine seit langem geplante umfassende Publikation mit dem Arbeitstitel »Niederländische Fayencefliesen an der iberischen Atlantikküste« konnte er nicht mehr verwirklichen. In Erinnerung an Rainer Marggraf und aufgrund der gemeinsamen Vorarbeiten möchten die Verfasser diese Arbeit fortsetzen und mit einer Untersuchung über eine niederländische Fliesendekoration an der spanischen Atlantikküste beginnen. Es handelt sich um 38 Fliesenbilder mit Darstellungen von Ordensleuten und geistlichen Würdenträgern aus der berühmten Rotterdamer Manufaktur »De Bloempot« der Familie Aalmis, die zwischen 1773 und 1775 dort gefertigt wurden und sich in der Kapelle des Hospitals der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott (San Juan de Dios) in Cádiz befinden. Das Krankenhaus ist auch unter dem Namen »Hospital de la Misericordia« bekannt.
Auf Fliesenvorkommen niederländischer Herkunft in Cádiz machte erstmals 1898 der Franzose La Laigue aufmerksam.(5) Er habe im Patio einer Kirche in Cádiz blaue und manganfarbene Fliesen mit ornamentalen und figurativen Kompositionen gesehen. Sein Freund, der ehemalige französische Generalkonsul in Cádiz, besäße eine gewisse Anzahl dieser Fliesen. Darüber hinaus habe er im Hof der Kirche San Francisco eine ganze Azulejo-Bibel gefunden, u. a. mit Darstellungen Daniels in der Löwengrube, der Arche Noah und der Ausspeiung Jonas durch den Wal. Die Franziskaner hätten, als sie wieder in den Besitz ihres Konventes in Cádiz gekommen seien, diese »steinerne Bibel« entfernen lassen. Die Angaben La Laigues referiert H. C. Gallois in seinem Artikel über Rotterdamer Fliesen.(6) Es bleibt festzuhalten, dass die holländischen Fliesen in Andalusien durch spanische Autoren nie die gleiche Beachtung fanden wie die nach Lusitanien importierten niederländischen Fliesen in portugiesischen Publikationen. So können bis auf die Aufsätze von César Pemán(7) und Hipolito Sanchez Sopranis(8) nur die Untersuchungen des bedeutenden portugiesischen Fliesenforschers João Miguel dos Santos Simões für die eigenen Studien herangezogen werden. Simões erfuhr 1949 auf dem 16. Internationalen Kongress für Kunstgeschichte in Lissabon von niederländischen Fliesenvorkommen in Andalusien durch César Pemán, dem damaligen Direktor des Museums für Bildende Kunst in Cádiz und bereiste daraufhin mehrere Male die spanische Atlantikküste. In seiner 1959 erschienenen Publikation »Carreaux Ceramiques Hollandaise au Portugal et en Espagne« faßte er seine Studien zusammen.(9) Trotz dieser ergebnisreichen Arbeit sind über 30 Jahre nach Erscheinen seines Buches weitere Veröffentlichungen notwendig, da neue Erkenntnisse zu grafischen Vorlagen und verwendeten Durchstaubschablonen, zu Manufakturzuschreibungen und Datierungen vorliegen. Darüber hinaus wurde umfangreiches Fotomaterial beschafft, das Vergleichsmöglichkeiten zulässt.
Seit dem Import der niederländischen Fliesen nach Andalusien zwischen 1675 und 1775 wurden viele Beispiele beim Abriss von Gebäuden zerstört oder gelangten in unbekannte Hände. Auch im Hospital San Juan de Dios entfernte man bei Umbauarbeiten eine große Menge Fliesen. 1930 gab es nach Angaben von César Pemán im Operationssaal des Krankenhauses noch »große manganfarbene Kompositionen mit Reiterbildern und Szenen aus der Falkenjagd«.(10) Simões konnte auf seiner ersten Reise nach Cádiz 1949 nur noch die Reste hinter großen Schränken sehen und beklagte bei seinem zweiten Aufenthalt 1950 zudem den Verlust der »wunderschönen keramischen Ausschmückung« des Treppenaufganges und der Flure, die er noch ein Jahr zuvor habe bewundern können. »Es war das größte und besterhaltenste Ensemble, das ich jemals gesehen habe. Und schon 1950 waren die meisten Fliesen abgenommen, wegen einer Umbaumaßnahme des Krankenhauses. Trotz der guten Absicht, sie wieder an den angestammten Platz zu bringen, hat man nur eine bescheidene Menge retten können.«(11) 1959 gab es im Hospital neben den 38 Fliesenbildern mit Darstellungen von Ordensgeistlichen und kirchlichen Würdenträgern noch zwei weitere unvollständige, auf denen die Figuren eines Unbeschuhten Karmeliters und eines Hieronymiten jedoch erhalten waren und die von Simões fotografiert werden konnten.(12) Beide sollten im Vorraum der Kapelle angebracht werden. Darüber hinaus waren noch einige Einzelfliesen - blaue Landschaften mit Ochsenköpfen - in einer Treppennische angesetzt. Auf unserer Forschungsreise nach Andalusien im Frühjahr 1990 (13) konnten wir im Hospital San Juan de Dios die 38 Fliesenbilder mit Ordensleuten und geistlichen Würdenträgern untersuchen und einige blaue Landschaftsfliesen am Treppenaufgang sehen (Abb. 1).

Landschaftsfliesen im Kreis mit dem Eckmotiv ’Ochsenkopf’ am Treppenaufgang des Hospital San Juan de Dios in Cadiz
Abb. 1 Landschaftsfliesen im Kreis mit dem Eckmotiv ’Ochsenkopf’ am Treppenaufgang des
Hospitals San Juan de Dios. 4. Viertel 18. Jh. Rotterdam

Über den Verbleib der Fliesenbilder mit den Darstellungen des Karmeliters und des Hieronymiten konnten Angehörige der Bruderschaft von San Jüan de Dios uns keine Angaben machen. Obwohl von der einst opulenten niederländischen Fliesenausstattung des Krankenhauses heute nur noch ein kleiner Teil vorhanden ist, handelt es sich dennoch um ein Ensemble von allergrößtem kunst- und kulturhistorischem Wert.
Die Fliesenbilder befinden sich in einer kleinen Kapelle in der zweiten Etage des Hauptgebäudes (Abb. 2).


Abb. 2 Fliesenbilder in der Kapelle des Hospitals San Juan de Dios, 1773/1775, Manufaktur Aalmis, Rotterdam

Die Kapelle bestand schon 1707 und diente als Sakramentskapelle für die Patienten des Krankenhauses. An den Wänden der Evangelien- und der Epistelseite sind 36 Tableaux von je drei Fliesen Breite als Fries angesetzt, der insgesamt 8 Fliesen hoch ist. Rechts und links neben der Tür befindet sich jeweils ein weiteres Tableau. Die einzelnen Fliesen weisen das typisch niederländische Format von 130 x 130 mm auf. Der Scherben ist ca. 7 mm dick, der Glasurauftrag glatt und dicht. In der zentralen inneren Fläche jeder Kartusche (5x3 Fliesen) ist ein Mönch oder geistlicher Würdenträger dargestellt, in einem für seinen Orden oder seine kirchliche Stellung typischen Gewand vor einer zart nuanciert gemalten Landschaft oder einem Bauwerk.

Bildschema in der Kapelle

       Altar
01              20

02              21

03              22

04              23

05              24

06              25

07              26

08              27

09              28

10              29

11              30

12              31

13              32

14              33

15              34

16              35

17              36

18              37

B19  Tür  38B

Evangelienseite:
1. Romanus Pontifex.
2. Episcopus.
3. Canonicus St. Salvatoris.
4. Monachus Sti. Basilii in Germania.
5. Canonicus Regularis valiis viridis.
6. Dominicanus.
7. Eremita Sti. Hieronijmi.
8. Trinitarius.
9. Minorita Discalceatus in Hispania.
10. Carthusianus.
11. Monachus Sti. Basilii Apud Messinenlia.
12. Canonicus Regularis Sti. Georgii in Sicses.
13. Servita.
14. Monachus Sti. Silvestri.
15. Armenus Monachus.
16. Monachus Ordinis Crucigerorum.
17. Minorita Conventualis.
18. Eremita Sti. Pauli.
B Fliesenreihe mit Blumengebinden und kleinen Voluten
19. Monachus Celestinus.
Epistelseite:
20. Cardinalis Purpuratus Pater.
21. Canonicus Sti. Johannis Lateranensis Romae.
22. Canonicus Regularis St. Sepulchri.
23. Monachus Sti. Benedicti.
24. Canonicus Mantuanus Sti. Mär.
25. Minorita Observantiae.
26. Augustinianus.
27. Carmelita.
28. Capucinus.
29. Clericus Hospitalaris Spiritus Sancti Romae.
30. Monachus Mercedis Captivorum.
31. Canonicus Sti. Georgii in Alga Venetiis.
32. Religiosus Ordinis Agonizanium.
33. Monachus Sti. Antonii.
34. Monachus Congregationis Ste. lustinae.
35. Frater Sti. loannis de Paenitentia.
36. Monachus Crucigerorum in Belgio.
37. Sacerdos Societatis Jesu. Dissolvero. AT 1773.
B Fliesenreihe mit Blumengebinden und kleinen Voluten
38. Barnabita Ambrosianus.

Umgeben werden die manganfarbenen, figurativen Motive von einem in Blau ausgeführten Rokokorahmen, dessen c- und s-förmig ausschwingende, kurvilineare Formen in der oberen Mitte von einem manganfarbenen Granatapfel gekrönt und von zarten Blumengebinden berankt werden. Der Granatapfel symbolisiert in der abendländisch christlichen Kunst sowohl die Kirche, deren zahlreiche Glieder durch die vielen Samenkörner verkörpert sind, als auch die Fruchtbarkeit des Geistes und das Ewige Leben. Außerdem ist der Granatapfel ein Attribut des hl. Johannes von Gott (San Juan de Dios), dem Namensgeber des Krankenhauses, und steht als Symbol für die Stadt Granada, in der der Heilige wirkte.(14) In der unteren Mitte des Rocaillerahmens ist unter jedem Geistlichen die lateinische Bezeichnung seines Ordens oder seines kirchlichen Titels in Druckbuchstaben gemalt.
Über den Kartuschen ist ein einreihiger, in Blau gehaltener Fliesenrand angesetzt, bemalt mit gerolltem Blattwerk, aus dessen Mitte eine von einem strahlenförmigen Halbkreis umgebene manganfarbene Blüte hervortritt. Den Abschluss bilden aneinandergereihte, auf die Spitze gestellte kleine Quadrate, deren Ecken und Mitten mit einer Blüte geziert sind. Bei genauer Betrachtung fügt sich diese Randfliesenreihe wenig harmonisch in das Gesamtbild ein. Sie hat keinen malerischen Zusammenhang und bildet keine organische Einheit mit der Kartusche, sondern wirkt wie eine aufgesetzte Notlösung bei der angrenzende Fliesenreihen fehlen. Mehrere Vermutungen lassen sich anstellen: Wahrscheinlich ist die Randfliesenreihe bei der Erstverlegung oder bei Umbauarbeiten aus ihrem ursprünglich geplanten Zusammenhang gerissen worden, oder angrenzende Fliesenreihen konnten bei eingeschränkter Fläche nicht verwendet werden. Vielleicht waren aber auch der niederländischen Fliesenmanufaktur genaue Maßangaben von den spanischen Auftraggebern vorgegeben worden, so dass der Fliesenmaler eine stilistisch passende, jedoch nicht unbedingt zugehörige Dekorationsreihe dem zentralen Bild hinzufügte, um den Käufern Genüge zu tun.
Ebenso unorganisch wurde in den Wandecken zur Tür eine Fliesenreihe angesetzt, die aus Blumengebinden und kleinen Voluten gebildet wird und ursprünglich in einem größeren Zusammenhang gestanden haben muss, wie man am unvollständigen Sockel und den oberen Randfliesen erkennt.
Unter den Zentralmotiven befindet sich jeweils eine weitere in Blau gemalte Kartusche (2x3 Fliesen) mit Rocaillerahmen und einer schildartigen Fläche, die aus diagonal angeordneten, auf die Spitze gestellten Quadraten gebildet wird. Kreuzblüten füllen die Quadrate aus und mildern die geometrisch strenge Wirkung. Dieses Dekor trägt die Bezeichnung »bloemruitjes« und wird im Musterbuch der Rotterdamer Fliesenhersteller, das im Gemeindearchiv der Stadt bewahrt wird, unter der Nr. 3 geführt (Abb. 3).


Abb. 3 >>Bloemruitjes<<, Zeichnung im Rotterdams Modellenboek voor Tegels

Es bildet in ähnlicher Art den Sockel für Darstellungen der Astronomie und der Bildhauerkunst nach Stichen von Jacopo Amigoni und der Allegorie des Geruchsinns, die sich im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe befinden und 1764 von der Aalmis-Familie hergestellt wurden.(15) An den oberen Enden der Voluten ist beidseitig ein manganfarbenes Blumengebinde eingehängt und scheint vor den Blütenquadraten zu schweben. Die Fliesen der untersten Reihe sind am Fußboden von ursprünglich 130 mm auf 125 mm gekürzt worden. Im unteren Viertel sind sie mit einer blauen Marmorimitation bemalt. In der rechten unteren Ecke jedes Bildes ist im marmorierten Teil der Fliese in manganfarbenen Druckbuchstaben das Werkstattzeichen mit Herstellungsort in unterschiedlicher Handschrift zu sehen: I. Aalmis Pint. a Rotterdam, I Aalmis a Rotterdam oder auch l Aalmis Pi. a Rotterdam.
Obwohl die Geschichte der Fliesenmanufaktur »De Bloempot«, die von 1699 bis 1790 im Besitz der Familie Aalmis war, aufgrund der erhaltenen Dokumente im Gemeindearchiv Rotterdam und der umfassenden Veröffentlichung Hoynck van Papendrechts (16)von 1920 gut nachvollziehbar ist, kann nur über eine genaue Datierung der Fliesen in Cádiz ihr wahrer Schöpfer gefunden werden; denn alle männlichen Mitglieder der Familie wurden mit erstem oder zweitem Vornamen Jan bzw. Johan getauft. Pieter Janszn. Aalmis (1648 getauft, gest. 1709) war seit 1691 Teilhaber der Fliesenmanufaktur, die sich vom Leuvehaven westzijde bis an den Schiedamschedijk erstreckte. Er kaufte sie im Jahre 1699 von der Familie Van Lier. Sein Sohn Jan Aalmis sen. (geb. 1674) heiratete 1707 und wurde in diesem Jahr auch sein Nachfolger. Er lieferte wahrscheinlich die Fliesen für Schloss Falkenlust bei Brühl. Zwischen 1709 und 1742 war er neunzehnmal Hauptmann der Rotterdamer St. Lukas Gilde. Er starb 1755. Jan Aalmis sen. hatte zwei Söhne, den 1714 geborenen Jan Aalmis jun. und den Nachkömmling Jan Bartholomeus (geb. 1725). Ab 1732 wurde Jan Aalmis jun. nach und nach mit der Leitung des Geschäftes betraut. Auch er hatte wie sein Vater hohe öffentliche Ämter inne: siebenmal war er zwischen 1739 und 1787 Hauptmann der St. Lukas Gilde, mehrere Jahre Fähnrich und später Leutnant der Bürgerwacht und darüber hinaus als Brandmeister aktiv. Ihm zur Seite stand sein Bruder Jan Bartholomeus Aalmis, der ebenfalls Hauptmann der St. Lukas Gilde war und zwar zwischen 1753 und 1784 insgesamt dreizehnmal, manchmal im Wechsel mit seinem Bruder. Jan Bartholomeus starb 1786, und Jan Aalmis jun. wurde mit 72 Jahren alleiniger Besitzer der Fliesenmanufaktur und verhandelte in diesem Jahr aufgrund seines hohen Alters über den Verkauf mit Laurens Verwijk. Die endgültige Abtretung des Geschäftes fand jedoch erst 1788 statt. Verwijk kaufte die Fliesenbrennerei für 6500 Gulden und die Tonschlämmerei für 2000 Gulden. Jan Aalmis jun. starb im Jahre 1799.
Die Rotterdamer Fliesen für die Kapelle des Hospitals San Juan de Dios in Cádiz sind zwischen 1773 und 1775 hergestellt worden, als die Brüder Jan Aalmis jun. und Jan Bartholomeus gemeinsam die Manufaktur »De Bloempot« leiteten. Bei unserer Studie im Krankenhaus San Juan de Dios konnten wir die Archivalien des Ordens der Barmherzigen Brüder einsehen, auf die schon Hipolito Sancho Sopranis hinwies.(17) Im Inventarbuch von 1775, Blatt 28 sind »aus Holland gelieferte Fliesen«, »Platten mit geistlichen und religiösen Würdenträgern« verzeichnet. Sie kosteten mit Einbau 63 890 reales de vellón. Ein weiterer Anhaltspunkt für die Datierung der Fliesen bietet die Darstellung des Jesuiten. Die Bildunterschrift lautet: »Sacerdos Societatis Jesu. Dissolvero. At 1773« (Abb. 4).


Abb. 4 Jesuit. Die Bildunterschrift weist auf die Auflösung des Ordens 1773 hin.

Der Fliesenmaler hat den Hinweis auf die Auflösung dieses Ordens und die damit verbundene Jahreszahl 1773 zugefügt, wohl aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse. Denn Papst Clemens XIV. gab 1773 nach längerem Zögern dem Druck der aufklärerisch eingestellten Bourbonenhöfe nach und hob den Orden auf. Die Jesuiten waren bereits 1767 im Zuge der Säkularisierung aus Spanien vertrieben worden.
Grafische Arbeiten dienten den Fliesenmalern als Vorlagen. Die Auswahl der Stiche lag bei den Inhabern der Manufakturen oder bei der Kundschaft, die bestimmte Motive bestellte. Nur selten wurde direkt auf die Fliese gemalt. In der Regel benutzten die Fliesenmaler als Hilfsmittel Durchstaubschablonen, in niederländischer Sprache »sponsen« genannt, um die Konturen der Darstellung zu fixieren. Die Durchstaubschablonen wurden in den Fayencewerkstätten folgendermaßen gefertigt: Man nahm einen Kupferstich oder eine Originalzeichnung in der Größe der späteren Fliesenbemalung zur Hand, schichtete auf eine Weichholzplatte einige Blätter Papier, legte darauf die zeichnerische Darstellung und arretierte dann Papier und Original mit Nägeln. Mit einer Nadel wurden die Konturen der Vorlage durchstochen. Die unter der Vorlage liegenden Blätter zeigten nach diesem Arbeitsgang die markanten Konturen der Vorlage als Perforation. Anschließend wurde die Durchstaubschablone auf die Zinnglasur der Fliese gelegt. Mit einer aus Bettzeug angefertigten und mit Holzkohlenstaub gefüllten »poncette« klopfte man auf das Schablonenpapier. Dies erforderte einige Erfahrung und Fingerfertigkeit; denn das Papier durfte sich während dieses Arbeitsganges nicht verschieben und musste fest auf der Glasurschicht aufliegen. Nahm man das Papier auf, nachdem man es mit der »poncette« angeschlagen hatte, lag die Zeichnung in Form von Holzkohlenstaubpunkten auf der hellen Zinnglasur. Die Holzasche war durch das Gewebe des Säckchens und die Einstichlöcher im Papier bis zur Fliese gedrungen und wurde von der feuchten Glasur festgehalten. Der Maler hatte nun die Umrisse der Zeichnung vor sich, die er mit einem feinen Pinsel nachzog und brachte so die Zeichnung auf die Zinnglasur auf. Hatte die Holzkohle ihren Dienst als Leitlinie für die Pinselführung erfüllt, wurde der lose aufliegende Holzkohlenstaub mit einem Stück Pelz, z. B. einem Kaninchenschwanz, abgefegt.(18)
Es gelang uns, sowohl die grafischen Vorlagen als auch die Durchstaubschablonen bzw. die Vorlagenzeichnungen für die Fliesenbilder mit den Ordensleuten zu finden. Die grafischen Vorlagen stammen von dem Kupferstecher und Schabkünstler Adriaan Schoonebeek. Er wurde 1657/1658 in Amsterdam geboren, war Schüler von Romein de Hooghe und unterrichtete 1698 Peter den Großen im Radieren. Im selben Jahr ging er mit ihm nach Moskau, wo er zahlreiche Schüler ausbildete und dort 1705 oder 1714 starb.(19) Uns sind folgende von Schoonebeek gestochene Ausgaben bekannt, die als Vorlage für die Fliesenbilder gedient haben könnten: Eine niederländische mit der Autorenangabe Adriaan Schoonebeek und dem Titel »Nette Afbeeldingen Der Eyge Dragten van Alle Gestelyke Orders/ Nevens Aantekening Van Haar Begin, Instelders En Bevestiging«. Amsterdam, By Den Auteur In De Kalverstraat, 1688; eine deutsche Ausgabe ohne Autorenangabe »Kurtze und gründliche Histori vom Ursprung der Geistlichen Orden«. Aus dem Französischen. Übersetzt. Samt. Ordens-Kleider. Augsburg: L. Kroninger u. G. Göbels, 1702. Mit 73 Stahlstichen. Im Anonymen-Lexikon ist unter diesem Titel eine Ausgabe von 1692 zu finden, für die als Stecher Adriaan Schoonebeek angegeben wird. Neben den Abbildungen mit lateinischer Bildunterschrift befindet sich der erläuternde Text in deutscher Sprache. Die hier abgebildeten Kupferstiche stammen aus der zweibändigen, französischsprachigen Ausgabe: »Histoire Des Ordres Religieux«. Gravez Par Adrien Schoonebeek. Amsterdam: H. Desbordes, P. Sceperus, Et R Brunel, 1700 (Abb. 5).


Abb. 5 Titelblatt von >>Histoire des Ordres Religieux<<. Stecher Adriaan Schoonebeek

Nur die Abbildungen Nr. 21 a und 33a sind der deutschen Ausgabe entnommen, da die in der französischen nicht mit den Fliesenbildern korrespondieren. Darüber hinaus ist in den einschlägigen Lexika noch eine Ausgabe in russischer Sprache verzeichnet. Möglicherweise haben die Fliesenmaler jedoch ein uns unbekanntes, späteres Werk oder gar das eines Kopisten als Vorlage genutzt, da in keiner der genannten Ausgaben Darstellungen des Cardinalis Purpuratus Pater, des Romanus Pontifex, des Episcopus und des Dominicanus enthalten sind. Zweifellos muss allerdings Simões' Angabe korrigiert werden, die Vorlagen für die Fliesenbilder seien in dem zweibändigen Werk des Jesuitenpaters Filippo Bonani zu finden.(20) Erstaunlicherweise ist im Krankenhaus kein Fliesenbild mit der Darstellung des Namensgebers bzw. des Ordens der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott vorhanden und wird in der älteren Literatur auch nicht erwähnt, obwohl Schoonebek den»Hospitalaris Joannis Dei« gestochen hat (Abb. 6).


Abb. 6 >>Hospitalarius Joannis Dei<<, Stecher Adriaan Schoonebeek

Die Durchstaubschablonen und Vorlagenzeichnungen befinden sich im Gemeindearchiv Rotterdam und wurden 1976 unter den Nummern 3345 bis 3387 inventarisiert und beschrieben. Sie sind ca. 31 x 41 cm groß. Die Maße der
Personen auf den Vorlagenblättern und den Fliesen sind identisch. Alle Blätter tragen Wasserzeichen:
Aa)   »Vryheyt«, Löwe im Kreis;
Ab)   zusätzlich mit Krone und GR (ungefähr wie Churchill Nr. 95);
Ba)   wie Aa), aber unter dem Kreis JH &Z (Churchill Seite 15);
Bb)   wie Ab), aber unter dem Kreis JH & Z.
Die Blätter mit den Nummern 3364 und 3381 haben das Wasserzeichen B, alle anderen das Wasserzeichen A. Die Buchststabenkombination JH & Z konnte als Firmensignum Jan Honig en Zoon identifiziert werden, einem Betrieb, der zwischen 1737 und 1787 tätig war. Die Vorlagenzeichnungen sind in brauner Feder- und Pinseltechnik ausgeführt. Auf einigen Blättern ist der mit Bleistift oder in brauner Tinte geschriebene Buchstabe N sowie eine zweistellige Zahl zu sehen, die identisch ist mit der Nummer des entsprechenden Kupferstichs in der niederländischen und deutschen Ausgabe von Schoonebeek.
Kaufmännische oder produktionstechnische Bedeutung haben wahrscheinlich die Additionsrechnungen und Summen sowie der Buchstabe »B« oder die Kombination »BALT« auf manchen Vorlagenzeichnungen. Die Blätter sind nicht mit Bildunterschriften versehen. Nur für zwei Fliesenbilder (Abb. 9 und 25) liegen im Rotterdamer Gemeindearchiv keine Zeichnungen vor. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Stiche und Vorlagenzeichnungen mit den Darstellungen folgender Orden vorhanden sind, von denen bisher jedoch keine Fliesenbilder gefunden werden konnten: Religiosus Somascus, Religiosus Theatinus, Religiosus Ordinis Jesuaterum, Frater vitae Communis (Abb. 41 bis 44a und b). Es ist durchaus möglich, dass sie ebenfalls in der Aalmis-Manufaktur gemalt worden sind und früher die Wände des Krankenhauses San Juan de Dios in Cádiz schmückten. Niederländische Fliesen wurden ungefähr über ein Jahrhundert zwischen 1670 und 1775 in andalusischen Kirchen, Klöstern und Palästen eingebaut. Nach dem Westfälischen Frieden im Frühjahr 1648 waren die spanischen Häfen wieder für Schiffe aus den Vereinigten Provinzen geöffnet worden, und in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde Spanien das, was es bereits im 16. Jahrhundert gewesen war: Hollands wichtigstes Absatzgebiet für osteuropäische Produkte wie Getreide und Holz sowie Materialien für den Schiffbau. Im Gegenzug wurden Öl, Südfrüchte, Wein, Korinthen und Rosinen, Reis, Salz und spanische Schafwolle in den Norden gebracht. Große Bedeutung hatte auch der Edelmetallhandel; fast die gesamte Silberausfuhr von Cádiz und Sevilla ging direkt in die Niederlande.(21) Die Fliesen dienten den holländischen Seglern wegen ihres hohen Gewichtes als Ballast zur Kielbeschwerung, um eine bessere Wasserlage zu erreichen und wurden wahrscheinlich von den Schiffern auf eigene Rechnung eingeführt. Neben dem Rotterdamer Fliesenensemble im Hospital San Juan de Dios fanden wir in Cádiz und anderen andalusischen Orten weitere niederländische Fliesen; darunter auch Beispiele, die Simões nicht veröffentlicht hat.


Zu den Abbildungen (siehe Bildschema in der Kapelle):
Die Reihenfolge der Abbildungen entspricht der Anordnung der Fliesenbilder in der Kapelle, ausgehend von der Evangelienseite. Der Kupferstich ist mit dem Buchstaben a versehen, die entsprechende Durchstaubschablone oder Vorlagenzeichnung mit b und das zugehörige Fliesenbild mit c. Besonderheiten und Unterschiede zwischen Stich, Zeichnung und Fliese werden unter den einzelnen Abbildungen erläutert. Für die bei Simões abgebildeten aber inzwischen verschollenen Fliesenbilder mit den Darstellungen des Unbeschuhten Karmeliters und des Hieronymiten konnten die Vorlagen ermittelt werden (Abb. 39a, b und 40a, b).(22) Die deutschsprachigen Bildunterschriften der Stiche wurden unverändert entnommen aus: »Kurtze und gründliche Histori...« Augsburg, 1702.


1a Druckgraphik fehlt
1b Gemeentearchief Rotterdam Inv.-Nr. 3360. Fliesenraster. Zeichnung durchstochen; Feder und Pinsel in Braun


1b Durchstaubschablone Inv.-Nr. 3361 wie 3360; Jedoch kein Fliesenraster; nur Tiara und Schlüssel sind gezeichnet


1c Romanus Pontifex. Der Papst hält in der linken Hand ein dreibalkiges Papstkreuz;
auf der Konsole die päpstlichen Insignien Tiara und Schlüssel; im Hintergrund links die Peterskuppel

Sollten Sie sich für das Bildmaterial und die Beschreibungen der weiteren 43 Darstellungen interessieren, so können Sie dies in der Zeitschrift KERAMOS Heft 150 nachlesen. Früher erschienene Hefte der Zeitschrift KERAMOS sind, soweit noch vorrätig, erhältlich bei Frau Anneliese Reiff, Laurenzberger Straße 6 in 52249 Eschweiler.


KERAMOS, Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V.
www.gkf-ev.de

Gemeentearchief Rotterdam
www.gemeentearchief.rotterdam.nl

Cádiz
www.cadiz-turismo.com